Posted by: don´t panic | September 29, 2009

2037: Auf einen Kaffee mit Minimal Blue

Reiner Schneeberger im Interview mit der Universal Gazette, founded 1797.

avatarkunst_blog_iin3d_01

Etwa 30 Jahre ist es her als Ihr Avatar-Bot 1) ´Minimal Smart‘ mit der trayectory 2) „Rules are made for breaking“ in der Wahrnehmung von Kunst im virtuellen Raum Akzente setzte. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie auf die Zeit als Second Life entstand oder eine Kunstplattform wie der Third Grid 3) seine Geburtsstunde hatte heute zurückblicken? Zuerst einmal denke ich an Herbert W. Franke als ich die Aufgabe erhielt mit dem Programm MONDRIAN 21, welches im Jahre 2007 unter Windows XP lief, eine Werkserie zu schaffen, die als originalgetreue Nachbildung des Kunstschaffens aus den späten 70iger Jahre bekannt werden sollte. H.W. Franke schuf mit seinem Programm, für das er die Bezeichnung MONDRIAN 4) wählte, ein Werkzeug zur interaktiven Kunstproduktion welches zu einem Meilenstein der Digitalen Kunst im Jahre 1979 wurde. Leider wählte dafür den Homecomputer TI 99 von Texas Instruments als Hardwareplattform. Dieser Technologie war indes kein langer Lebenszyklus beschert. Zwei Jahrzehnte später wurde mit MONDRIAN 21, codiert nach den alten von H.W. Franke erstellten Programmablaufplänen, diese für die Geschichte der Computerkunst bedeutsame Entwicklung in die Neuzeit gerettet, denn für Windows XP gibt es ja heute noch Emulatoren. Die damit erstellten Werke, gestellt in eine virtuelle Umgebung seinerzeit Second Life von Linden Lab San Francisco, bildeten den Grundstein für die beginnende Auseinandersetzung der Wahrnehmung von Kunst im Virtuellen Raum durch Avatare.

Sie sprechen von H.W. Franke. Sind Sie ihm denn je persönlich begegnet? Nicht im Jahre 2008 als er seinen 80sten Geburtstag feierte und das Projekt MONDRIAN 21 in der alten Fassung von 1979 und in der für 3D-Kunstproduktion geschaffenen Erweiterung MONDRIAN NXP vorgestellt wurde, wohl aber später im Third Grid nachdem H.W. Franke seinen Repräsentanten ´Herbert W.´ im Virtuellen Raum konfigurieren konnte und mich auf der Retrospektive begleitete.

Mir fällt bei der Betrachtung der Werke auf, dass die mit MONDRIAN 21 erstellten 2-dimensionalen Formkompositionen der mit MONDRIAN NXG erreichbaren Dreidimensionalität beim Betrachten im Virtuellen Raum kaum nachsteht. Dem kann ich mich nur bedingt anschließen. Minimal Smart und Second Delight, die beiden Protagonisten von „Rules are made for breaking“ hatten zwar Schwierigkeiten zu entscheiden welcher Bildvariante sie in den insgesamt 28 Stationen umfassenden trayectory den Vorzug geben sollten. Jedoch wird nur viermal das 2D Realisat von den Akteuren interpretiert und auf fünf Leinwänden werden beide Varianten gegenübergestellt. Heute gibt es eine Rückbesinnung zur ´flatart´und so kommt das Potential des 1978/79 von H.W. Franke geschaffenen Programms 60 Jahre nach seiner Erstellung als Baustein der frühen Kunstinformatik erneut zum Tragen. Deshalb wird eine unter Beachtung der historischen Vorlage geschaffene Neuauflage demnächst unter Open Windows 5) erschienen, sodass die Emulation über Windows XP entbehrlich wird.

avatarkunst_blog_franke_79Motiv auf der Leinwand nach H.W. Franke´s MONDRIAN von 1979

Sie erwähnten die Akteure Minimal Smart und Second Delight als Schaffende des Genres Avatarkunst. Viele unserer Leser werden indes ohne mobile link zur ´way back machine´ 6)  damit wenig anfangen können denn unsere Zeit ist zu schnelllebig. Gerne nehme ich die berühmten Worte von Andy Warhol und führe sie fort: „In the future everybody will be world famous for fifteen minutes”, ´but only for fifteen minutes´. In der Tat wirkt es heute wie ein Anachronismus zu sehen wie Avatare sich in einer Galerie in den Jahren 2007-2012 bewegten, angetrieben vom Realo 7) durch Mausclicks und Cursortasten und dabei über das Kunsterlebnis diskutieren durch Eintippen von Text auf ein keyboard. Nichtsdestotrotz kam die im Third Grid geschaffene TAGREZ Technologie bereits damals zum Einsatz. Durch Anlegen eines Software-Tags konnten die Bildschirme ihren Inhalt bei Annäherung eines Avatars ändern und statt Kunst von H.W. Franke ein Kunstwerk von, nehmen wir um bei den Altmeistern der Computerkunst zu bleiben, Georg Nees zeigen.

War das die Geburtsstunde der INFINITEWALLS? Aus heutiger Sicht wird man das wohl mit Ja beantworten können. Bei genauer Betrachtung liegen zwischen „take a tag to rezz“ 8) (TAGREZ) und der Anwendung dieser auf Software basierenden Idee einer Veränderung der Bildinhalte bei Annäherung eines Avatars an den Screen und der Übertragung dieser Idee in die reale Welt des Museumsgeschehens 9) mittels eines RFID-Tags nur wenige Monate. Die INIFITEWALL Technologie erweitert hingegen einfach das TAGREZ um Objekte im virtuellen Raum. Dieses ist, da wir auch heute noch nicht über Telekinese im realen Raum verfügen, bis auf weiteres auf Softwarewelten beschränkt. Ich weiß manchem Leser wird das zu abstrakt erscheinen, lassen Sie mich deshalb ein Beispiel aus den Anfängen bringen. Ein Avatar nimmt einen Anstecker, auf Englisch „Tag“ und heftet sich diesen an sein Revers oder Gürtel oder trägt ihn einfach in der Hand. In diesem Tag ist die Nummer des Künstlers oder des Genres das er sehen will gespeichert. Nähert sich der Avatar dann einer Leinwand in der virtuellen Galerie erscheint das zu der jeweiligen Nummer passende Bild. Und bei INFITEWALL ist das genauso nur dass nicht ein Bild erscheint sondern ein Objekt, z.B. eine Skulptur. Es könnte auch eine neue Wand oder ein gänzlich anderes Layout der Galerie entstehen nur dann könnte es plötzlich zu Konflikten mit anderen Avataren kommen die sich auf einmal in einer andern Umgebung oder inmitten einer Wand wiederfinden. INFINITEWALL sollte also abgesehen von der geschilderten Möglichkeit Objektkunst auf vordefinierten Plattformbereichen zu rezzen dosiert z.B. über eine feste Zeitsteuerung zum Einsatz kommen.

 

avatarkunst_blog_iblond_02

DieTechnik der ´virtuellen Wände´ erklärt für ´infinite blond´(Name der Lady im Bild)

Sie meinen: heute gehen wir eine Galerie mit 30 Stellwänden und finden morgen auf derselben Fläche 100 Leinwände? Da kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Software ist ungemein mächtiger und auch Sie sollten das wissen. Wenn die Sensoren feststellen in welchen Abschnitten der Simulationswelt sich Avatare mit welchen Interessenbekundungen tummeln ist ein viel mehr an Dynamik möglich. Wichtig ist dass das System läuft, wie die Engländer sagen „with the flow“; also kein Klicken auf irgendwelche Schaltflächen wie es für Jahrzehnte bei ´Power Point´ 10) Standard war.

Irgendwie erinnert mich das an Plato´s Höhlengleichnis. Als in die Jahre gekommener Avatar der ein Ticket am Schalter kauft um die Kunstwerke aus dem NCR Computergrafik Wettbewerb von 1979 zu sehen und mit seiner jugendlichen Freundin die trayectory ´Genesis´ von Met Knelstrom bewundern will, der weiß schnell nicht mehr was unten und oben ist wenn sich dann auch noch die Wände beim Schreiten durch die Galerie verändern. Damit das nicht so weit kommt haben wir ja zum Glück die Kunstinformatik die sich in den 80ger Jahren zusammen mit der Musikinformatik entwickelte. Auch hier lohnt sich ein Blick auf die von H.W. Franke am Lehrstuhl für Didaktik der Bildenden Künste in München geleistete Pionierarbeit. Mit MONDRIAN 21 und den dazu begleitendem Material kann man einen Blick in die Anfangszeiten werfen. Viele Verbindungen von Physik, Mathematik und Informatik sind didaktisch gut aufbereitet und lassen Kunst gewissermaßen spielerisch entstehen. Gerne erinnere ich mich an einen meiner ersten Besuche in der Virtuellen Galerie auf Symmetry wo Art Eames 11) mit dem von Prof. Aegidius Plüss bereitgestellten Programm ´Anyfield´ eine trayectory schuf bei der er die Gestaltungsparameter für den Betrachter gleich mit lieferte.

Verstehe ich das richtig, dass damit gleich eine unmittelbare Umsetzung in eigene Werke nach dem Besuch der Galerie erfolgen konnte? Richtig, den Art Eames begann seine künstlerische Arbeit auf der Basis der Parameterkunst 12). Anyfield erlaubt die Visualisierung von Feldlinien und schlägt so eine Brücke zur Physik. Lassen Sie mich nachschauen? Der Link http://www.ddaa.org/anyfield.pdf funktioniert tatsächlich noch und das Programm habe ich auch noch zur Hand. Damit haben Ihre Leser gleich zwei Werkzeuge für die Zeitreise 30 Jahre zurück in der Hand und können Computerkunst im Retrolook erstellen.

Oh nicht so schnell. Ich wollte noch auf die preisgekrönte trayetory ´Genesis` von Met Knelstrom zurückkommen. Gibt es eine Chance dieses Werk auch heute noch zu bewundern? Es steht als virtuelles Buch im Third Grid zur Verfügung, kann aber auch über Amazon im Open Reader Format 5) oder als Book on Demand in Printform bezogen werden. Den aktuellen Preis kenne ich leider nicht.

Oh das ist kein Problem, denn unsere Leser finden nachfolgend Ihren Gutscheincode für eine persönliche Kopie in einer virtuellen Umgebung Ihrer Wahl. Ich danke für das Gespräch.

Minimal Blue dankt, winkt und teleportiert auf die SIM Claressa 13).

1)      Im Jahre 2007 prognostizierte Gardner dass in 2017 über 20 Millionen Persona-Bots im Netz aktiv sein werden um für ihre ´user´ Einkäufe erledigen. Ein Wert der uns heute zum Schmunzeln bringt. Minimal Blue ist der Kunst-Avatar des Autors. Minimal Blue schickt seit März 2008 seinen Bot ‘Minimal Smart’ auf Entdeckungsreisen in virtuelle Welten.

2)      Trayectory? Tra(y)ectory is the path a moving object of art follows through space. The object could for instance be an avatar or a skybox. It thus includes the meaning of orbit – …  for further information on trajectory please refer to Wikipedia.

3)      The Third Grid erlaubt eine kostenfreie Nutzung verschiedener 3D-Technologien für Kunstprojekte.

4)      Die Bezeichnung MONDRIAN mag heute missverständlich klingen, war jedoch seinerzeit für die Vermarktung des Programms hilfreich, da die generierten Strukturen formähnlich zu einigen Arbeiten von Piet Mondrian wirken. Seinerzeit war die Dokumentation unter http://www.mondrian21.com/mondrian.pdf online.

5)      Fiktive Bezeichung

6)      Das Internet Archive unter http://www.archive.org wurde ab dem Jahre 2020 zu einer Fundgrube anwaltlichen Wirkens um Rechtsverstöße auch in der Vergangenheit zu würdigen.

7)      Der Begriff „user“ wurde im Jahre 2025 durch Realo (von engl: Real operator) abgelöst, da immer mehr „user“ ihre Internet-Avatare als Handlungsträger einsetzten und der Begriff „bots“ eine neue Bedeutung erhielt.

8)      Die TAGREZ Technologie ist unter Creative Commons zur allgemeinen Nutzung freigegeben. Die Weiterentwicklung erfolgt durch die Programmed Art Foundation.

9)      Erstmals publiziert in dot:PRINT im September 2008 (Seite 14-15) und in der realen Welt eines Museum gezeigt im März 2009. Siehe Reiner Schneeberger „Art on Demand per RFID – Als Avatar in virtuellen Ausstellungen“, in MUSEUM AKTUELL, März 2009, Seite 20-23

10)  Der eine oder andere Leser mag sich an Power Point von Microsoft erinnern als die Funktionen einer Textverarbeitung nicht integriert waren und alles aussah wie mit Schablone gemacht nur durch Klicks zusammengehalten, alles Gründe weshalb die Anwendung schließlich ausstarb.

11)  SIM Symmetry ist heute als reines Tag Info Center ausgestaltet um leichter an Präsentationen aus den Gründertagen der Avatarkunst zu gelangen. Ob die erste bekannte Listung virtueller Gallerien unter http://www.sasun.info/ArtGalleriesOfSL.aspx noch existiert müsste ich mal bei Gelegenheit nachschauen.

12)  siehe auch: Computer Minimal Art unter http://www.computerminimalart.com

13)  Name der Simulationswelt die in 2009 in Second Life als Mainland begründet wurde

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Responses

  1. […] sendet seit 2008 seinen BOT Minimal Smart auf Entdeckungsreise in 3D-Welten. Lesen Sie hier “2037: Auf einen Kaffee mit Minimal Blue” […]


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